Leseprobe: Der Duft von Schokolade
Die Zuckerküche hinter den Verkaufsräumen war wirklich eine andere Welt. Trotz des regnerischen Wetters war es hier viel heller als vorne. Die Fenster waren höher, die Wände in den traditionellen Bäckerfarben hell gekachelt und alles sah, bis auf einen Hauch Staub, sauber aus. Ein blauweißes Band zog sich auf halber Höhe die Fliesen entlang und verschwand hinter den langen Apothekerkommoden, deren über hundert Schubladen jede ein ovales Porzellanschildchen trugen, auf dem stand, was darin war. Elena ging die Reihen entlang und las halblaut:
„Zimmet. Zibeben. Zucker. Roter Zucker. Blauer Zucker. Gelb. Vanillons. Weinstein. Tragant...“
„Getrocknete Marillen. Datteln. Feigen...“August las weiter und zog die Schubladen eine nach der anderen auf. Die Vertrautheit, wie sie an dem Tag am See zwischen ihnen gewesen war, kehrte in der Stille der leeren Küche zurück. Auf einmal fühlte er sich ihr wieder näher.
„Kommen Sie her!“ sagte er, als er ein Fach mit Fläschchen gefunden hatte, „riechen Sie. Jeder Duft ist ... wie eine ... eine andere Welt“.
Sie sah ihn an und ihre Brauen gingen in schönem Bogen nach oben.
„Ja“, sagte August verlegen, „wie eine Welt. Hier!“
Er hatte zwei Fläschchen entkorkt. Sie beugte sich über eines und atmete den Duft ein, der den Raum zu füllen begann.
„Rosenöl“, sagte er, „zehntausend Pfund Blüten für ein Pfund Öl. Und Marzipan ... draußen ist es schon so kalt wie jetzt und die Tage werden kurz. Man kommt mit rotgefrorenen Händen in die Küche und da sitzen die Mädchen und knacken Mandeln. Sie sitzen am Herd und erzählen sich von ihren Liebsten und von ihren Träumen, und der Sack mit den Mandeln wird nach und nach leer. Im Herd prasselt es, können Sie hören, wie es prasselt, wenn man die Mandelschalen hineinkehrt?“
„Nein“, sagte sie kühl.
August sah überrascht auf.
„Erzählen Sie mir nichts von dem, was ich vielleicht hören will,“ sagte sie, „keine Märchen, nichts Fremdes, diesmal. Ich will ... ich will die wahren Geschichten. Erzähl mir von deinen Düften“.
Deine Düfte ... sie stand vor ihm und wartete. August dachte daran, wie es als Kind war und dann hörte er auf, sich zu wehren, stellte die Fläschchen weg, zog eine andere Schublade auf und ließ die ersten Bilder kommen. Theriak – Angelika, stand auf dem Emailleschild.
„Angelika“, murmelte er und der Duft bekam eine Farbe. Ölig schwer, zugleich süß und angenehm bitter breitete er sich aus.
„Angelika“, sagte er träumerisch, „Angelika war immer eine Gewitterwolke. Eine Gewitterwolke über dem Sommerhaus und über der Veranda und in dem stechenden Sommerlicht vor einem Gewitter leuchtet die Orangenmarmelade auf dem Tisch. Die Luft ist schwül und süß wie die Marmelade und man wartet und wartet auf den Regen. Angelika ist der Geschmack von Wetterleuchten. Durch die Läden fällt am Nachmittag grün das Licht und wenn man dahinter steht und hinaus auf die Straße sieht und das Licht macht dein Gesicht hell und dunkel, dann kannst du immer um vier Uhr die zwei Mädchen sehen. Sie kommen jeden Nachmittag vorbei und obwohl sie keinen Namen haben, heißt eine von ihnen Angelika. Sie sieht so aus, als würde ihre Haut danach riechen, nach dem Feuer der Blitze mitten im Regen, und alles an dem Jungen hinter den Läden will zu ihr und sie schmecken und spüren. Aber sie geht jeden Tag vorbei und sieht nicht einmal zu den Fenstern hinauf“.
Augusts Gesicht brannte in der Erinnerung, aber Elena stand da und hörte zu.
„Manchmal“, sagte er stockend, als er an den Schubladen entlang ging und mit dem Finger die Emailleschilder berührte, „manchmal sehe ich den Düften Geschichten an“.
„Was für Geschichten?“ fragte sie. Ihre Stimme war ein wenig rauh.
„Ich weiß es nicht“.
Er hatte seit seiner Kindheit niemandem mehr davon erzählt, „Düfte sind Bilder, seit ich denken kann. Es ist, als ob...“ er redete auf einmal hastig und leise, „...es ist so, als ob an manchen Menschen die Düfte hängen bleiben und mit ihnen die Geschichten“.
Sie lachte nicht und sagte nichts Spöttisches. Da trat er neben sie, beugte sich zu ihrer Schulter und atmete ein, atmete langsam und tief ein, bis ihr Duft alles in ihm ausfüllte. Dann zog er die Schublade auf. Mohn. Er griff hinein in den Haufen, schwer und grau wie Sand, dann ließ er die Körner durch die Hand rieseln. Sie hielt ihre darunter, fing den Mohn auf und ließ ihn dann weiter in die Lade rinnen. Es staubte ein wenig und der graue Dunst bekam einen Hauch von Rot.
„Ein kleines Mädchen“, sagte er stockend, „liegt in einem abgedunkelten Zimmer, fiebrig, die Schatten im Zimmer sehen aus wie Tiere und bewegen sich und dann kommt jemand und gibt ihm ein Leinensäckchen in den Mund, mit Mohn gefüllt, naß und grob und das Mädchen saugt kalten, schweren Schlaf aus dem Säckchen, schläft und schläft einen kalten, schweren Schlaf und hat wirre Träume, in denen sie die Schatten zählen muß, und mit ihnen rechnen und immer weiter zählen, es wird nie aufhören und sie ist für immer in einer Rechenwelt gefangen und weint hoffnungslos. Am nächsten Tag wird sie kaum wach“.
Elena sah ihn nicht an.
„Diphtherie“, sagte sie kaum hörbar, „sie dachten, ich würde sterben. Und ich habe im Traum wirklich geglaubt, daß ich sterben muß, wenn ich aufhöre zu zählen. Ich habe um mein Leben gezählt...“.
Sie schwieg. August zögerte, aber dann kam er ihr wieder ganz nahe und atmete ihre Wärme und ihren Duft, der sich immer mehr auffaltete, wie ein ungeheurer Fächer. Der Mohngeruch verblaßte, während er nach dem schönen Geruch suchte, der hinter den anderen Düften versteckt war. Dann war er auf einmal da. August ging und suchte die richtige Schublade. Elena folgte ihm. Bitterorange stand fein auf das Emailleschild geschrieben. Als die Schublade aufgezogen war, stieg der Duft auf wie eine durchsichtige Augustsonne, orangerot.
August beugte sich über ihn und sah durch die Wände in die Ferne.
„Ein Garten“, sagte er leise, „Bogengänge zwischen Zypressen und Orangenbäumen, und die Wege sind mit Muscheln und Flußkieseln besetzt. Narzissen. Fontänen, und der Wind bläst manchmal zerstäubtes Wasser durch die Blätter und ...“ er stockte, weil das Bild ein Märchenbild wurde und gar nicht stimmen konnte, mußte plötzlich leise lachen und redete hastig weiter, „zwei Panther, rechts und links, eine Freitreppe und überall der Duft der Orangen ... es tut mir leid“, sagte er, lächelte sie an, zuckte die Schultern und entschuldigte sich, „ich habe mich hinreißen lassen“.
Aber Elena stand neben ihm, hielt die Orangenschalen in beiden Händen und sah ihn nicht an, als sie sagte:
„Schubrah. Die Gärten von Schubrah. Der Vizekönig hat zwei Panther auf den Treppen, sie sind angekettet und wenn du zwischen ihnen durchgehst, drehen sie müde den Kopf nach dir. Es ist der schönste Garten der Welt, wenn du alleine und nur für dich die Wege entlang gehst, durch ein Meer von Duft“, sagte sie und zeichnete mit dem Finger Figuren in das Häufchen getrockneter Orangen, „und dann gibt es einen Pavillon in den Gärten von Schubrah...“
„...und du siehst über die Gärten hinweg den Nil ...“ sagte August und roch den Lavendel, der dort wuchs, roch den Sand in der Brise, die den Stoff im Pavillon bewegte.
„Man riecht den Lavendel und die roten Orangen von Schubrah“, sagte Elena, „und dort hat der Vizekönig der Frau des Oberleutnants Palffy ein Geschenk gemacht. Ich habe es trotzdem behalten ... wegen des Gartens ... weil ich im Garten glücklich war“.
Leseprobe: Der Teezauberer
Als Jakob dreißig Jahre alt war, lag er eines Nachts im späten Frühling auf dem federnden Kissen der Haare seiner Frau und zählte sein Leben, weil er fürchtete, wieder zu träumen. Am offenen Fenster entlang strich ein kühler Wind wie an der See.
Jede Tasse Tee, jede Tasse Kaffee, die in dieser Stadt getrunken wurde, war zuvor durch Jakobs Hände gegangen. Er besaß ein Großhandelshaus, und alle Geschäfte der Stadt, in denen Tee, Gewürze oder Kaffee gehandelt wurden, gehörten - auch wenn sie verschiedene Namen trugen – ihm.
Neben ihm lag seine Frau, deren Haare beim Gehen schwangen, als hätten sie winzige Glaskugeln an den Spitzen, in denen sich das Licht fing.
Zwischen Marietta und der Wand lag, das Gesicht rot und warm vom Schlaf, die Lippen ein wenig geöffnet, laut und ruhig atmend, ein kleines Mädchen.
Dann gab es einen besten Freund. Den man immer seltener sah. Jakob hatte manchmal Angst, ihn nur noch Freund nennen zu können.
Dann gab es, was Jakob sich als Schüler unter der großen Freiheit vorgestellt hatte: Im Café zu frühstücken und zu lesen; sehr früh, wenn die Stadt eben erst zu arbeiten beginnt.
Dann gab es gelegentlich einen Ritt durch einen Wald.
Es gab Sommermorgen.
Es gab Nächte, in denen Marietta und Jakob sich liebten, zusammen lachten und ineinander einschliefen.
Es gab Augenblicke auf einer Brücke über dem Fluß inmitten von schwirrenden Insekten und den Geruch von Holunder dazu.
Und das war alles.
Manchmal gab es noch einen überraschenden, atemlosen Kuß der Tochter.
Aber das war wirklich alles.
Der Wind ging durch den Frühling und war kühl und zupfte an Jakobs Gedanken.
Er überlegte, daß über die Jahre etwas verloren gegangen sein mußte. Aber, als er lange genug nachgedacht hatte, fand er, daß es anders war; daß er nämlich nichts verloren hatte, sondern etwas Unbestimmtes nicht gefunden hatte. Er hatte nur das Gefühl, etwas verloren zu haben, weil er nicht mehr auf Worten reisen konnte.
„Tee!“ sagte Jakob leise in die Dunkelheit des Raumes. Die Luft wurde noch ein wenig kühler, aber Jakob roch nicht den grünen leichten Duft und sah weder Japan noch China.
„Kaffee!“ flüsterte er und zwang seine Gedanken nach Afrika. Aber die Bilder blieben blaß. Die Tür bewegte sich, weil die Luft um Jakob plötzlich warm wurde und nach oben stieg.
„Tee!“ probierte Jakob noch einmal.
Er spürte nicht Seide noch Geschmack noch Duft noch Geräusch. Marietta deckte sich wieder zu, nachdem es im Raum wieder kühl wurde und Jakob ernüchtert schwieg.
„Verdammt!“ sagte er laut. Aber Marietta und das Kind schliefen weiter. Jakob verstand plötzlich, daß sein Reisen auf Worten immer nur Ersatz gewesen war. Er war ins Unbestimmte gereist, hatte nach Unbestimmtem gesucht und war schließlich nirgends angekommen. Deswegen träumte er wohl. Deswegen hatte er angefangen, sich vor dem Träumen zu fürchten.
Am Tage handelte Jakob mit Wohlgerüchen. Das heißt, Jakob handelte mit Kaffee und Tee und Gewürzen. So zumindest sagte er den Leuten, die ihn nach seinem Beruf fragten. Marietta wußte es besser. Sie hatte sich in Jakob verliebt, als sie ihn eines Tages in einem seiner Läden über eine Kiste gebeugt gesehen hatte, seine Augen geschlossen und so andächtig den Duft des Tees atmend, als bete er. Der Großhandel mit Tee und Kaffee ist seltsam genug für jemanden, der in der Mitte des Landes lebt und von jedem Meer wenigstens vierhundert Kilometer entfernt ist. Zwar ging durch die Stadt ein Fluß, doch war der nicht schiffbar, so daß Jakob zu Beginn seiner geschäftlichen Laufbahn seine Waren durch einen Agenten ordern und per Bahn kommen ließ. Er fuhr immer selbst zum Bahnhof, um dabei zu sein, wenn seine Arbeiter die Kisten und Säcke verluden. Aber den Betrieb im Güterbahnhof mochte er nicht – es roch dort nach Vieh, nach Eisen und nach Staub – Gerüche, die nur selten zu Jakob sprachen.
Zu Anfang, als er noch ein Neuling im Geschäft war, genügten die Düfte, zusammen mit den fremdartig klingenden Namen, Jakob für Minuten reisen zu lassen. Er stand dann inmitten einiger Kisten, auf die mit grauer oder schwarzer Farbe in Schablonenschrift die schönen fremden Namen gepinselt waren. Sogar die Anweisungen klangen fremdartig schön:
Darjeeling, 1st flush, 60 lbs. Handle with care. Store dry.
Panjab Tea. 1st Flush, 55 lbs. Store in a dry palace.
Green Tea, Gunpowder Prime Quality. Hong Kong Shipping Co., Singh Palan Cie. Store in a dry palace.
Cogollo. Colombia
Balzacbro Medellin Excelso
Tanzania Coffee Arabica
Coffea rustica. Arabian blend. Dark. Via Hambrugh.
Was mit den Wörtern geschehen konnte, wenn sich ein indischer oder arabischer Arbeiter, der kaum lesen konnte, in den Lagerhallen versah und die Buchstabenschablonen falsch verwendete. Dann entstand aus dem eilig hingesprühten kühlen, trockenen Ort ein kühler, trockener Palast. Aber viel mehr amüsierte Jakob, sich vorzustellen, daß es kein Irrtum war, sondern daß irgendwo in Arabien Menschen waren, die sich unter Hambrugh eine Stadt vorstellten. Es mußte wohl eine ganz andere Stadt sein, als das Hamburg, in dem die Kompanien saßen, von denen er Rechnungen bezog.
Die Düfte und die Namen. Tee roch nicht so bitter, wie er schmecken konnte. Tee roch leicht und grün und man mochte sich vorstellen, diesen Duft essen zu können. Das einfache Wort Tee formte sich aus graugrünen leichten Schwaden durchsichtig in der Dämmerung des Lagers. Tee war ein Zauberwort und hieß:
China
Japan
Indien
Jakob schmeckte diese Namen und während er sie schmeckte, ließ er die Bilder in seinem Kopf sich entfalten.
Indien: Raschelnde Seide der Plantagenbesitzerinnen. Frauen, die mit einem Glas in der Hand auf einer Veranda stehen und den Tee wachsen sehen.
Männer in Tropenweiß.
Ein Tropenhelm?
Lieber kein Helm. Aber zumindest ein Pferd. Jakob bestimmte seiner Vorstellung vom Plantagenbesitzer ein Pferd. Er ritt selber gerne.
Pflückerinnen, die eintönig singend den ganzen Tag arbeiten. Den ganzen Tag.
Sonne
Japan: Tee auf den engen Bergen der Insel. Pflückerinnen, die manchmal kichern und manchmal singen und lächeln. Grüner Tee, der mit einem Bambusbesen schaumig geschlagen wird und so schmeckt, wie ihn europäisches Wasser nicht bereiten kann – er schmeckt so, wie er riecht.
China: Tee und Tee und Tee und Bauern in kommunistischer Einheitskleidung Blau oder Grau und alle mit einer Mütze. Aber so fern von Beijing, daß sie dem Kommunismus noch glauben, wie es in der Hauptstadt niemand mehr tut, und ganze Familien pflücken mit heiligem Ernst für das Land. Stiller linder Regen und das dampfende Tal des gelben Flusses. Die Mongolei – das Grasland. Und Schriftzeichen auf Teeziegeln, die Jakob nicht lesen konnte. Das irritierte und faszinierte ihn zugleich.
„Tee,“ sagte er damals, als er von der Teekiste aufsah, Marietta und ihr Haar und ihr Lächeln bemerkte, „Tee ist ein Zauberwort. Ich reise, wenn ich Tee sage. Wie kann ich Ihnen dienen?“
Und da verliebte sich Marietta in Jakob, der auf einem Wort reisen konnte.